Beschuss von Mariupol im Januar 2015

Von Rudolf Guljaew

Der Beschuss eines Autobusses bei Volnovakha am 19. Januar, einer Busstation im Zentrum der Stadt Donetsk am 22. Januar und des Ordzhonikidzevskyi Rayon im Osten der Stadt Mariupol am 24. Januar bildeten dabei die tragischen Höhepunkte.

Ereignisse des 24. Januar 2015

Am Samstag, den 24. Januar 2015, um 09:15 Uhr wurde der Ordzhonikidzevskyi Rayon, rund um die wulitsa Olimpiiskaya am Ostrand der Stadt Mariupol am Asowschen Meer im äussersten Südosten der Ukraine durch Raketenwerfer beschossen[i]. Durch den Beschuss wurden 30 Menschen getötet und weitere 107 verletzt. Mindestens 16 Gebäude wurden teils schwer beschädigt bzw. brannten ab.

Eine Stunde später war eine Patrouille der Special Monitoring Mission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa OSZE SMM vor Ort und begann die Folgen des Beschusses zu dokumentieren. Sie veröffentlichte noch am selben Tag einen sogenannten «Spot Report» der auch heute noch eine wichtige Quelle von Information darstellt. In den folgenden Tagen kehrte die SMM mehrmals an den Ort des Geschehens zurück. Am 26. Januar berichtete die SMM in ihrem Daily Report von den Ergebnissen ihrer Untersuchungen[ii].

«At approximately 09:15hrs on 24 January, the SMM in government-controlled Mariupol heard at its location incoming massed Multi-Launch Rocket System (MLRS) attacks from a north-east direction, consisting of an extremely heavy barrage lasting 35 seconds. Twenty minutes later the SMM received information from the Joint Centre for Control and Co-ordination (JCCC) in Mariupol and other sources, that shelling had occurred in the area of Olimpiiska Street, in Ordzhonikidzevskyi district, 8.5 km north-east of Mariupol city centre, approximately 400 metres from a Ukrainian Armed Forces checkpoint.

At 10:20hrs the SMM went to Olimpiiska Street and saw seven adult civilians dead. The SMM observed in an area of 1.6 km by 1.1 km, including an open market, multiple impacts on buildings, retail shops, homes and a school. The SMM observed cars on fire and windows facing the north-eastern side of a nine-storey building shattered. The SMM was able to count 19 rocket strikes and is certain there are more«[iii]

Erwartungsgemäss wiesen die Konfliktparteien, d.h. die ukrainische Regierung, und die politische Führung der Volksrepublik Donetsk einander gegenseitig die Verantwortung für diese Tragödie zu. Auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch stellte Ermittlungen an, um sich in der Flut von gegenseitig widersprechenden Informationen zurechtzufinden. In den sozialen Medien spekulierten mehr oder weniger sachverständige Nutzer über Umstände und Verantwortung.

Heute noch relevant

Die Frage ist auch heute noch relevant, denn der Beschuss von Wohngebieten ist nach wie vor gängige Praxis im Konflikt in der Ostukraine und könnte zu einem Stolperstein im Friedensprozess werden. Dabei sind die ukrainischen Regierungstruppen für die Mehrzahl solcher Fälle verantwortlich[iv].

Bellingcat klagt an

Im Mai 2018, mehr als drei Jahre nach den tragischen Ereignissen in Mariupol, behauptete das Internet-Investigationsteam Bellingcat, es habe die Verantwortlichen in der Person mehrerer Kämpfer der bewaffneten Kräfte der Volksrepublik Donetsk und mehrerer russischer Armeeoffiziere identifiziert[v]. Bellingcat vertrat die Ansicht, dass der Beschuss von sogenannt «Russian-controlled» Territorium gekommen sei und dass dieser Beschuss durch aktive russische Offiziere vorbereitet, überwacht und geführt wurde. Bellingcat will neun russische Offiziere identifiziert haben, die direkt in die Operation involviert gewesen seien. Zu diesem Zweck seien am Vorabend eigens zwei Raketenwerfer- Batterien aus Russland in die Region Mariupol transportiert worden. In den frühen Morgenstunden seien diese in Stellung gegangen und hätten nach Durchführung der Operation die Staatsgrenze wieder in Richtung Russland überquert. Der Befehl zum Beschuss des Ordzhonikidzevskyi Rayon sei vom Kommando der bewaffneten Formationen der DNR aus Donetsk gekommen.

Herkunft der Informationen

In seiner Untersuchung stützt sich Bellingcat im Wesentlichen auf abgehörte Telefongespräche mit Mobiltelefonen zwischen den beteiligten Offizieren, sowie auf Analysen von Bildmaterial.

Die Gespräche, auf denen die Untersuchung von Bellingcat beruht, wurden einem kleinen Team investigativer Journalisten von der ukrainischen Regierung zur Verfügung gestellt. Da es sich dabei um Gespräche über Mobiltelefone handelt, sind als Urheber am ehesten die ukrainischen Strafverfolgungsbehörden und der Inlandsgeheimdienst SBU zu vermuten. Ausgehend von der Annahme, dass der militärische Nachrichtendienst sich auf militärische Fernmeldemittel konzentriert, kann man noch genauer werden: Die Mitschnitte der Telefongespräche stammen vom ukrainischen Inlandsgeheimdienst SBU. Dieser ist für seine Menschenrechtsverletzungen notorisch bekannt und wurde in der Vergangenheit wiederholt vom UN Menschenrechtsbeauftragten massiv kritisiert[vi].

Die beiden gängigsten Mittel, um Mobiltelefone abzuhören, sind das SIM-Card Cloning und der Einsatz eines IMSI-Catchers. Ersteres bedingt physischen Zugriff auf die SIM-Card eines Benutzers. Ein IMSI-Catcher imitiert die Funktion einer herkömmlichen Basisstation der Mobiltelefonie, sodass Gespräche in einem bestimmten Umkreis über den IMSI-Catcher des Geheimdiensts laufen und nicht mehr über die Infrastruktur des kommerziellen Anbieters. Damit hat der Dienst dann die Gesprächsinhalte inklusive den sogenannten Metadaten, welche Informationen über das Telefongerät, die SIM-Karte, die Dauer und den Ort des Gesprächs und anderes mehr enthalten. Bellingcat erhielt aber Audio-Dateien und Meta-Dateien separat. Das hätte Bellingcat eigentlich misstrauisch machen müssen. Der Vergleich mit den Daten des Telekommunikationsanbieters, über dessen Infrastruktur die Gespräche geführt wurden, ist eine schwache Form der Überprüfung, denn es wäre ein leichtes, Audio-Dateien zu fabrizieren, die den Angaben des kommerziellen Anbieters entsprechen. Es wäre auch noch interessant zu erfahren, von wem Bellingcat die Informationen der Telekommunikationsanbieter erhalten hat. Solche Anbieter dürfen ihre Daten nicht an Unbefugte abgeben, was die Vermutung nahelegt, dass auch diese von der ukrainischen Regierung stammen. Mit anderen Worten: Bellingcat hat die Zuverlässigkeit einer Quelle durch Informationen aus derselben Quelle überprüft.

Es ist erstaunlich, dass die ukrainischen Behörden zu den angehörten Telefongesprächen nicht auch die Resultate ihrer Artillerie-Aufklärung lieferten. Die Genauigkeit der Schallmessgeräte sowjetischer Provenienz, über welche die ukrainischen Regierungstruppen (UAF) verfügen, reichen für die Zwecke von Bellingcat allemal.

Die Verwendung von Mobiltelefonen in diesem Zusammenhang ist ungewöhnlich. Wären reguläre russische Artillerieeinheiten im Einsatz gewesen, dann hätten sie auch ihre Funkgeräte und sonstigen Fernmeldemittel gleich mitgebracht, denn solche gehören zur Standardausrüstung von Artillerieeinheiten. Im Raum Kuznetsi – Bezimmene – Oktiabr, wo die Batterien gemäß Bellingcat am Morgen des 24. Januar 2015 ihre Stellungen bezogen, wäre eine Kommunikation mittels herkömmlicher VHF-Sprechfunkgeräte durchaus möglich gewesen, denn Gelände und Distanzen lassen das zu[vii]. Südöstlich des Dorfs Kuznetsi befindet sich eine Straße, welche die Staatgrenze zwischen Russland und der Ukraine überquert[viii]. Das ist in einer Gegend, in welcher der Grenzverlauf über weite Strecken überhaupt nicht speziell markiert ist, nichts Ungewöhnliches. Das 100 km Luftlinie entfernte Donetsk, von wo aus der Befehl zum Beschuss gekommen sein soll, ist mit solchen Funkgeräten hingegen nicht erreichbar, dafür ist die Distanz zu groß. Nachdem, aber offenbar in Bezimmene die Befehlsstelle des 9. Motorisierten Schützenregiments der DNR stationiert war, ist zu erwarten, dass dieser Punkt mit mehreren redundanten Fernmeldemitteln mit dem Korpskommando in Donetsk verbunden war, beispielsweise Troposphären- und Kurzwellenfunk.

Auf der Basis der abgehörten Telefongespräche will Bellingcat die Artillerie-Einheiten identifiziert haben, welche eigens zum Zweck des Beschusses von Mariupol über die Staatsgrenze verlegt worden seien: die «200th Detached Motorized Artillery Brigade (military unit 08275)» und die «2nd Detached Guards Taman Motorized Artillery Brigade (military unit 23626)».[ix] Verbände mit dieser Bezeichnung gibt es in der russischen Armee nicht[x]. Die Einheitsnummern lassen eine Identifikation zu: es handelt sich um die 200. Motorisierte Schützen-Brigade[xi] und um die 2. Motorisierte Schützen-Division. Diese Verbände haben Artillerieeinheiten unterstellt, unter anderem auch sogenannte reaktive Artillerie, die mit Raketenwerfer des Typs «GRAD» ausgerüstet ist, beziehungsweise im Jahr 2015 war, nicht jedoch mit solchen des Typs «URAGAN»[xii]. Da Bellingcat nicht in der Lage ist, die angeblich beteiligten Artillerie Einheiten richtig zu bezeichnen, sind Zweifel an der Identifikation der angeblich beteiligten Kommandeure nicht unberechtigt.

Beurteilung des Geschehens

Nach dem 24. Januar kehrte die SMM zurück, um die die Einschlagkrater ein zweites Mal zu untersuchen und veröffentlichte am 28. Januar 2015 einen zweiten Spot Report mit genauen Analysen.

Beim beschossenen Gelände handelt es sich um ein rechteckiges Gebiet mit einer Ausdehnung von ca. 1.6 x 1.1 km. Das Gelände östlich des Kalmius-Flusses steigt an, und wird dann im Ordzhonikidzevskyi Rayon wieder flacher.

Die nördliche Kante des beschossenen Gebiets ist ca. 400 m vom Checkpoint 14 der ukrainischen Streitkräfte entfernt. Entlang der Taganrowskaya Shosse befanden sich im Frühjahr 2015 hintereinander gestaffelt weitere Checkpoints, ein zusätzlicher in Kalinowka, ca. 2.5 km nördlich des Checkpoints 14. Ein paar hundert Meter ostwärts des Checkpoints 14 befindet sich Checkpoint 13 als die am weitesten vorgeschobene Einrichtung der ukrainischen Regierungstruppen im Osten von Mariupol. Circa 2.5 km südlich des Checkpoints 14 befindet sich eine vorbereitete Verteidigungsstellung der ukrainischen Regierungstruppen. Die letzten ukrainischen Stellungen (Checkpoints 13 und 14) befinden sich wenige hundert Meter östlich des Stadtrands. Von dort bis zu den Stellungen der Rebellen erstreckte sich damals ein mindestens 10 km breites Niemandsland. Die westlichsten Stellungen der Rebellen befanden sich am Westrand der Ortschaft Oktiabr (heute Verkhnoshyrokivske) und erstreckten sich in Richtung Süden bis nach Shyrokyne und die Küste des Asowschen Meeres. Die Mutmaßungen der SMM über den Zweck des Beschusses beruhen auf der Nähe eines Checkpoints der ukrainischen Armee an der Verzweigung der Taganrowskaja Shosse.

 

Karte: Checkpoints am Ostrand von Mariupol

Hätte der Zweck des Beschusses darin bestanden, einen terrestrischen Vorstoß der bewaffneten Kräfte der Volksrepublik Donetsk entlang der Taganrowskaja Shosse zu unterstützen, dann wäre ein gleichzeitiger Beschuss der Checkpoints 10 und 13, sowie der Verteidigungsstellungen bei Lomakyne und Berdianskoe zu erwarten gewesen. Bellingcat behauptet, es sei an jenem Morgen eine größere Anzahl von Zielen im Abschnitt östlich von Mariupol mit Geschosswerfern bekämpft worden. Die SMM berichtete hingegen nur von einem Fall am Morgen und einem am frühen Nachmittag.

Darüber hinaus war Bellingcat nicht in der Lage, die geographische Lage der mit Ziffern bezeichneten Ziele zu bestimmen. Das Nummerieren von Zielen ist nicht etwa eine Maßnahme zur Verschleierung von Zielen, sondern gängige artilleristische Praxis, die Zielbezeichnungen kürzer und präziser machen soll. Mit anderen Worten: Bellingcat weiß nicht, wer wohin schoss. Dadurch entfällt jede Grundlage, einzelne Offiziere für den Beschuss der Olimpiiskaya wulitsa verantwortlich zu machen.

Aus Satellitenbildern ist ersichtlich, dass zum Checkpoint 14 beidseits der Straße Grabensysteme und eventuell auch Unterstände gehören, die sich über eine Fläche von ca. 250 m x 100 m erstrecken. Diese Verteidigungsstellung dürfte von einem Verband in Zugsstärke besetzt sein. Checkpoint 13 war deutlich kleiner, ca. 50 x 60 m und ist vermutlich eine vorgeschobene Stellung einer motorisierten Schützengruppe im Umfang von circa 10 Mann.

Satellitenbild: Checkpoint 14 (Quelle: google maps)

Für den Beschuss eines kleinen Zieles wie einen Checkpoint wäre Rohr-Artillerie wesentlich geeigneter gewesen. Die Distanzen hätten den Einsatz solcher durchaus zugelassen.

Untersuchung der Special Monitoring Mission SMM

Gemäß Spot Report vom 24.01.2015   hörten die Angehörigen des Mariupol Monitoring Teams intensives Donnern in einem Zeitraum von ca. 35 Sekunden. Raketenwerfer erzeugen während des Abschussvorgangs ein spezifisches Geräusch, welches der geübte Beobachter leicht von anderen Artilleriewaffen unterscheiden kann.

Im beschossenen Gebiet erhielten 10 Gebäude direkte Treffer, eines davon, das Schulhaus, gar deren zwei. Auf einem naheliegenden Markt, wahrscheinlich dem Kiewskyi Rinok, brannten sechs Gebäude, was nicht zwingend bedeutet, dass alle davon direkt getroffen wurden. Insgesamt fand die Special Monitoring Mission der OSZE 30 Krater und analysierte 26 davon. Drei Krater entstanden gemäss der SMM durch Raketen, die aus Raketenwerfern des Typs BM-27 «URAGAN» und 23 durch solche des Typs BM-21 «GRAD» verschossen wurden. Der Raketenwerfer BM-21 «GRAD» ist sowohl bei den ukrainischen Regierungstruppen, als auch bei den Rebellen weit verbreitet. Der BM-27 «URAGAN» hingegen kommt auf beiden Seiten eher selten vor.

Die Raketenwerfer «GRAD» schossen gemäss der, von der SMM gleichentags durchgeführten Krateranalyse aus einer nordöstlichen, die «URAGAN» aus einer östlichen Richtung[xiii]. Auch Human Rights Watch analysierte die Krater und kam in seiner Analyse zum Ergebnis, die Raketen seien aus Osten eingeschlagen. Präzisere Angaben machte HRW nicht.

In  ihrem Spot Report 28. Januar 2015 präzisierte die SMM ihre Angaben vom ersten Spot Report[xiv]. Durch Analyse der Krater ermittelte die SMM die Schussrichtung der eingesetzten Raketen. Im Fall der, von «GRAD» verursachten Krater, mass die SMM Schussrichtungen zwischen Azimut 55° und 65°, im Fall der «URAGAN» 72°. Die hierbei angewandte Methode beruht auf der Vermessung von Rückständen von Sprengstoffen und Geschossen, sowie von Einschuss-Kanälen vor Ort.

Auch Bellingcat nahm eine Krateranalyse auf der Basis von im Internet verfügbaren Fotos und von Luftaufnahmen von Drohnen vor[xv]. Auf die Bestimmung der Schussrichtung auf der Basis von Luftaufnahmen verzichtet die SMM seit geraumer Zeit.

Die Erkenntnisse der SMM vom 28. Januar 2015 betreffend Schussrichtung lassen Oktiabr als Stellung für die Raketenwerfer BM-21 gänzlich wegfallen, ebenso wie Zaichenko für die BM-27.

Die von der SMM angewandten Methoden der Krateranalyse lassen keine Rückschlüsse auf die Schussdistanz zu. Die Bestimmung der Werfer-Stellungen im Spot Report der SMM basiert einzig auf der Beobachtung entsprechender Systeme in den Ortschaften Oktiabr und Zaichenko in den Tagen vor dem Beschuss. Das widerspricht der These von Bellingcat, es seien in der Nacht zuvor eigens zwei russische Batterien reaktiver Artillerie in den Raum gebracht worden, um einen Feuerüberfall auf den östlichen Stadtteil von Mariupol durchzuführen.

Gemäß den geltenden Einsatzverfahren für reaktive Artillerie sind Raketenwerfer der Typen «GRAD» und «URAGAN» in einem Abstand von 6 bis 8 km von der Linie des Zusammenstoßes aufzustellen. Eine Aufstellung näher an der Linie des Zusammenstoßes setzt diese Systeme unnötigerweise der Gefahr eines Beschusses durch leichtere Artilleriesysteme aus und ist deshalb zu vermeiden. Damit ist die Annahme, es sei ein Raketenwerfer aus dem Dorf Oktiabr, an dessen Ostrand sich die vordersten Stellungen der bewaffneten Kräfte der Donetsker Volksrepublik befinden, als wenig plausibel erscheinen. Dasselbe gilt für Zaichenko.

Kartenskizze: Stellungen der Konfliktparteien und mögliche Stellungen für reaktive Artillerie (Quelle: Verfasser. Karte yandex.ru)

Raketenwerfer der Typen BM-21 «GRAD» und BM-27 «URAGAN»

Die SMM berichtete von einer Salve von 35 Sekunden Dauer. Ein Raketenwerfer des Typs BM-21 «GRAD» kann in einer Salve maximal 40 Raketen des Kalibers 122 mm abschießen und braucht dafür 20 Sekunden. Es ist aber auch möglich, weniger als 40 Raketen abzufeuern, denn die Zündung der einzelnen Raketen erfolgt elektrisch und die Bedienmannschaft kann dies selbst einstellen. Ein Raketenwerfer des Typs BM-27 «URAGAN» kann maximal 16 Raketen in 8 bis 20 Sekunden abfeuern[xvi].

Bellingcat liefert hierzu eine falsche Zeitangabe: Gemäß dem Spot Report der SMM ereignete sich der Beschuss um 09:15 und nicht um 09:30 Uhr[xvii]. Da Bellingcat behauptet, es seien ab 08:00 Uhr an jenem Morgen beinahe dauernd russische Artilleriebatterien am Schießen gewesen, ist dieser Zeitunterschied relevant[xviii].

Die SMM hat folglich nicht alle Krater gefunden: wenn man davon ausgeht, dass die 10 beschädigten Häuser jeweils einen direkten Treffer von einer Rakete erhalten haben, dann beobachtete die SMM 40 Einschläge, davon mehrere Blindgänger[xix].

Raketenwerfer stellen ein Mittel zur Bekämpfung von Flächenzielen dar und werden deshalb im Verbund einer Batterie eingesetzt. Eine Batterie von vier BM-27 Werfern deckt mit ihren 64 Raketen eine Zielfläche von 650 × 650 m ein, eine Batterie von sechs BM-21 mit 240 Raketen eine Zielfläche von 450 × 450 m. Nur der Einsatz einer Batterie garantiert die angestrebte materielle Wirkung auf ungeschützte Ziele. Die Zielfläche des Checkpoint 14 war aber deutlich kleiner.

Die Dauer von 35 Sekunden, während der die SMM die Einschläge gehört hat, bedeutet, dass die Salven der eingesetzten Werfer BM-21 und BM-27 ineinander übergingen. Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Flugzeiten der Raketen darf man daher annehmen, dass beide Werfer praktisch gleichzeitig ihr Feuer eröffneten. Die praktisch gleichzeitige Feuereröffnung durch zwei verschiedene, sechs Kilometer auseinander stehende Raketenwerfer bedarf der Koordination, die nur per Funk oder Telefon erfolgen konnte.

Die Raketenwerfer BM-21 und BM-27 können verschiedene Typen von Raketen mit unterschiedlichen Gefechtsköpfen verschießen. Der gebräuchlichste ist bei beiden ein Gefechtskopf mit Spreng- und Splitterwirkung mit Aufschlags- bzw. Momentan-Zünder. Die Bilder der Einschläge der Raketen in Mariupol legen die Vermutung nah, dass solche Geschosse verwendet wurden. Leider machten weder die SMM, noch HRW genauere Angaben zum Typ von Rakete, welche verwendet wurde. Dabei wäre es für die Ermittlung der Schussdistanz von eminenter Bedeutung zu wissen, welche Munitionssorte verwendet wurden, denn die verschiedenen Raketen weisen stark unterschiedliche Maximalschussweiten auf. Und zur Bestimmung der Stellung der Waffe ist neben der Schussrichtung eben auch die Schussdistanz notwendig. Ohne deren Kenntnis bleibt alles nur Spekulation.

Die gebräuchlichsten Munitionstypen sind im Fall der BM-21 «GRAD» die 9M22-Reihe mit einer Mindestschussweite von 1.6 km und einer Maximalschussweite von 20.4 km. Im Fall der BM-27 «URAGAN» ist es die 9M37 mit einer Mindestschussweite von 10 km und einer Höchstschussweite von 35 km.

Schussweite

Theoretisch erzielen ballistische Geschosse die größte Schussweite, wenn sie unter einem Winkel von 45° abgeschossen werden. In der Praxis, unter Berücksichtigung des Luftwiderstands, ist der optimale Abschusswinkel gerade bei Artilleriewaffen großer Reichweite aber höher; bis zu 50°[xx].

Der Luftwiderstand führt aber auch dazu, dass der Einschlagwinkel von Geschossen stets grösser ist, als der Abschusswinkel. Bei einer der, in Mariupol eingeschlagenen Rakete, von der wesentliche Teile aus dem Boden herausragten, lässt sich ein Einschlagswinkel von 45° ermitteln, Das bedeutet, dass sie in einem Winkel von weniger als 45° abgeschossen und damit nicht auf Höchstschussweite eingesetzt wurde.

Bild: Rückstände einer eingeschlagenen Rakete[xxi]

Die, in der Untersuchung von Bellingcat eigezeichneten Stellungsräume bei Kozatske und Pervomaiske liegen ausserhalb der maximalen Schussweite von «GRAD» Raketen[xxii].

Präzision von Artilleriefeuer

Die Präzision von Artilleriefeuer hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab, wie technischer Zustand von Waffe und Munition[xxiii], Präzision der Arbeit des Bedienpersonals in allen Bereichen, aber auch von der Verfügbarkeit von Artillerie Wetterdaten. Die Dichte der Luft, ihre Temperatur, Feuchtigkeitsgehalt und Windrichtung beeinflusst die Flugbahn eines Geschosses merklich. Über diesen Aspekt äußert sich Bellingcat schon gar nicht.

Was die Wettereinflüsse anbelangt, gilt für den Raketenwerfer BM-21 «GRAD» die Faustregel, dass 1 °C Temperaturunterschied zu einer Abweichung der Trefferlage von 20 m führen kann[xxiv]. Ein erfahrener Artillerist kann aber das Fehlen von Artillerie-Wetterdaten in einem gewissen Maß ausgleichen, indem er vor dem Wirkungsschiessen die sogenannte Unstimmigkeit ermittelt. Er tut das, indem er eine Artilleriewaffe auf einen eindeutig auf der Karte bestimmbaren Bodenpunkt richtet und nach Abgabe von einem oder mehreren Schüssen die Abweichung zwischen errechneter und effektiver Trefferlage misst. Den so erhaltenen Wert kann er linear auf die gewünschte Schussweite des Wirkungsschiessens interpolieren.

Typisches Winterwetter für die Region um Mariupol am Asowsche Meer sind Nachtfröste mit einem Ansteigen der Temperaturen tagsüber bis um den Gefrierpunkt herum. Die Temperaturunterschiede am 24. Januar 2015 waren klein, die Minimaltemperatur betrug -3.7 °C, die Maximaltemperatur -0.8 °C[xxv]. Diese kleine Temperaturdifferenz erklärt auch bei länger zurückliegender Wettermessung keinen derart signifikanten Unterschied in der Schusslage, wie sie in vorliegenden Fall zu beobachten ist.

Ein weiterer Faktor ist die Präzision der Arbeit des Bedienungspersonals, das die Zielkoordinaten und den Standort des Geschützes bzw. Werfers genau bestimmen und danach die Schussrichtung sowie die Rohrerhöhung präzis einstellen muss. Die Erfahrung zeigt, dass je nach Schussweite auch bei sorgfältige Arbeit des Bedienungspersonals der erste Schuss durchaus 400 m vom gewünschten Ziel einschlagen kann[xxvi]. Es ist dann die Aufgabe eines Beobachters, die notwendigen Korrekturen zu befehlen.

Die Präzision der erwähnten Elemente hängt auch ganz wesentlich von den verwendeten Navigationsgeräten und Richtmitteln ab: Die Ermittlung von Standorten mittels Karte ist naturgemäß genauer, als mit Satelliten- Navigationsgeräten wie GPS oder GLONASS, das Messen von Distanzen mittels Laserentfernungsmessern genauer als mit mechanisch-optischen Messgeräten[xxvii].

Sind alle Einflussfaktoren auf die Schusslage genau bekannt und beim Errechnen der Schiesselemente bekannt, so sind Artilleriewaffen in der Lage, präzise und überraschende Feuerschläge zu schießen, allerdings auf Flächenziele.

Unter der Annahme, dass der Checkpoint der UAF an der Straßengabelung der Taganrowskaja Shosse das Ziel war, gingen die Raketen circa 1.5 km neben das Ziel. Eine solch große Abweichung ist eigentlich fast nur mit groben handwerklichen Fehlern des Bodenpersonals zu erklären. Das zwei, mehrere Kilometer voneinander arbeitende Bedienungsmannschaften gleichzeitig den selben groben Fehler begingen, ist wenig plausibel[xxviii].

Kartenskizze: Abweichung der Einschläge der südlichen Gruppe vom Checkpoint 14 der UAF

Die Bahnen von aus Schusswaffen abgefeuerten Projektilen haben nie den exakt gleichen Verlauf. Abweichung einer Serie von Treffern von einem gemittelten Zielpunkt wird Streuung genannt. Die technisch bedingte Streuung wird durch innen- und außenballistische Störungen, wie fertigungsbedingte Toleranzen von Waffe und Munition, Temperaturschwankungen, Verschmutzung und Verschleiß verursacht.

Ein einzelner Werfer «GRAD» streut seine Geschosse in eine Ellipse, deren Größe von der Schussdistanz abhängig ist. Als Faustregel darf man annehmen, dass sie in Schussrichtung gesehen doppelt so lang wie breit ist. Im Zentrum diese Ellipse ist die Dichte der Einschläge am höchsten und nimmt nach außen hin ab. Auf eine Schussweite von 15 km ist für die «GRAD» eine Länge der Ellipse von 400 und eine Breite von 200 m recht typisch.

Die Verteilung der Einschläge im Ordzhonikidzevskyi Rayon von Mariupol lässt zwei Gruppen verkennen, eine südliche und eine nördliche, näher an der Taganrowskaja Shosse gelegen, was auf den Einsatz von zwei Werfern schließen lässt. Die nördliche Ellipse ist fast 600 m lang und 300 m breit, die südliche misst circa 400 x 300 m[xxix]. Die Existenz von zwei derartigen Ellipsen lässt auf den Einsatz von minimal zwei Raketenwerfern des Typs BM-21 «GRAD» und eines des Typs «URAGAN» schließen, wobei die Werfer möglicherweise auf unterschiedliche Distanzen eingesetzt wurden. Die Verteilung der Einschläge lässt aber eher auf eine nördliche Schussrichtung schließen, als auf eine östliche.

Streuungsellipse und gelbe Pfeile = vermutete Schussrichtung (Grundlage: Kartenskizze der HRW; die weißen Pfeile aus Osten stammen von HRW)

Hier besteht eine gewisse Diskrepanz zur Krateranalyse. Sollte es sich bei der nördlichen Gruppe der Einschläge um solche aus einem Raketenwerfer «GRAD» handeln, dann lässt das auf einen Beschuss aus 15 km Distanz von Norden schließen. In diesem Fall wäre der Werfer westlich der Ortschaft Pavlopil auf Gebiet unter Kontrolle der ukrainischen Regierungstruppen zu suchen.

Kartenskizze: Stellungen der Konfliktparteien und Stellungsräume der Raketenwerfer

Aber die eher geringe Anzahl an Einschlägen und die erwähnten Unsicherheiten in Bezug auf Munitionssorte, Richtungsbestimmung und andere lassen es angezeigt erscheinen, auf eindeutige Schuldzuweisungen zu verzichten. Es ist aber klar, dass Behauptungen, die nach dem Zwischenfall umher geboten wurden, wonach die Geschosse seien aus nördlicher Richtung abgegeben wurden, nicht gänzlich aus der Luft gegriffen sind.

Auch über die Motivation des Beschusses kann man nur spekulieren: wenn tatsächlich die bewaffneten Kräfte der «DNR» für den Beschuss verantwortlich zu machen sind, wie Bellingcat behauptet, dann kann Rache für den Beschuss der Stadt Donetsk mit Raketenwerfern in den Tagen vor dem 24. Januar eine Motivation gewesen sein. Allenfalls war das Ziel auch ein Raketenwerfer der ukrainischen Regierungstruppen, den die SMM zuvor aus dem Ordzhonikidzevskyi Rayon gemeldet hatte.

Der Beschuss von Wohngebieten war damals wie heute traurige Realität im Krieg in der Ostukraine. In den Tagen nach dem Beschuss von Mariupol wurde die Stadt Donetsk[xxx] und kurz darauf Luhansk mit völkerrechtlich geächteter Cluster Munition beschossen[xxxi]. Das zeugt von der mangelnden Rücksichtnahme der Konfliktparteien – auch der ukrainischen Regierung – für Leben und Sicherheit der Bewohner des Kriegsgebiets. Im Zusammenhang mit dem Konflikt im ehemaligen Jugoslawien wurden Beteiligte in ähnlichen Fällen schon als Kriegsverbrecher verurteilt.

Feuerschlag am Nachmittag

Am Nachmittag beobachtete die SMM erneut Raketenwerfer-Feuer, das offenbar den Checkpoint der UAF an der Taganrowskaja Shosse traf.

«At 13:02hrs and 13:21hrs the SMM heard again incoming MLRS salvos lasting for eight seconds, from an easterly direction. At a distance of 300 metres the SMM saw smoke above the Ukrainian Armed Forces’ checkpoint number 14«[xxxii].

In diesem Zusammenhang ist auch die Beschreibung der Rückkehr der zwei russischen Batterien reaktiver Artillerie nach Russland interessant. Es sei die Anweisung erfolgt, sich in Wäldern zu verstecken. Wer den Süden der Oblast Donetsk und die Küste des Asowschen Meers etwas kennt, der weiß, dass es dort nur Akazien-Wäldchen geringer Ausdehnung gibt, welche eine Batterie mit 4 oder 6 Werfer, die Befehlsstelle, Rechenstelle, Nachschubfahrzeuge und sonstiges Gerät tarnen könnten. Bellingcats eigene Karte zeigt, dass im betroffenen Abschnitt keine größeren Wälder vorkommen[xxxiii].

Fazit:

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Überprüfung der Quellen der abgehörten Telefongespräche – nach Lage der Dinge der ukrainische Geheimdienst – durch Bellingcat oberflächlich vorgenommen wurde.

Bei der Identifikation der beteiligten Einheiten unterliefen Bellingcat gravierende Fehler, sodass auch die Identifikation der beteiligten Offiziere mit Vorsicht zu genießen ist. 

Bellingcat ist weder in der Lage, die Urheberschaft der drei «URAGAN» Raketen zu bestimmen, noch die Ziele im Gelände zu identifizieren, die in den abgehörten Telefongesprächen genannt wurden. Klar ist, dass an jenem 24. Januar aus verschiedenen Richtungen verschiedene Ziele mit Artillerie beschossen wurden. Wer, wann woher wohin geschossen hat, bleibt weiterhin unklar. Damit entfällt jede Grundlage, einzelne Offiziere für den Beschuss des Ordzhonikidzevskyi Rayon verantwortlich zu machen.

Die Zusammenfassung von mindestens drei Werfern unterschiedlicher Kaliber, die alle weniger Raketen schossen, als sie hätten schießen müssen, aus Stellungen, in denen sie sich gemäß Einsatzverfahren nicht hätten befinden sollen, lässt Zweifel an der Darstellung von Bellingcat aufkommen. Die implizite Annahme der SMM, der Beschuss des Ordzhonikidzevskyi Rayon sei eine Folge von Schiessfehlern der reaktiven Artillerie auf Seiten Russlands bzw. der Rebellen, wirkt wenig plausibel. 

Zu all diesen Fakten äußert sich Bellingcat, wahrscheinlich aus Mangel an Fachwissen nicht. Die sogenannte Untersuchung ist nur als unprofessionell und unseriös zu bezeichnen. Die unseriös geprüfte Weitergabe von Informationen eines Nachrichtendienstes einer der beteiligten Seiten rechtfertigt den Begriff «Propaganda» allemal.